Den eigentlichen Wert von Schawinski-Buch „Die TV-Falle“ erkennt man unter dem Scheinwerferlicht, das der Autor sehr gekonnt auf das Medium Fernsehen und dessen Branche wirft. Hier werden die ökonomisch gesteuerten Mechanismen des Mediums sichtbar gemacht, genauso die simplen Begehrlichkeiten und Eitelkeiten der Akteure. Wie sich diese Figuren in Laufe ihrer Bildschirmkarriere wandeln, beschreibt Schawinski an konkreten Fällen, vielleicht am reizvollsten im Fall von Otti Fischer, den Bullen von Tölz, und dessen Frau Renate. Das Buch ist erfrischend offen und mutig. Es ist mehr als das Tagebuch eines Chefs von Sat.1, es ist ein Gang durch die komplexe Fernsehwelt mit all ihren Problemen.
Was die Akteure zusammen mit der Werbewirtschaft und dem Publikum an Zwängen produzieren, ist erschreckend. Erschreckend auch für den Mann in Chefposition, der diese Zwänge nur etwas weiter oben und dafür umso härter erlebt. Das ist umso erstaunlicher, als es im Falle von Schawinski um einen handelt, der immer auf Freiheit setzte. Die zweite Buchhälfte erinnert noch mehr als die erste an den Schweizer Schawinski und dessen Freiheitskampf gegen Staat und SRG. Diesmal sind es deutsche Gebührensender, deren billige Trägheit und Langweiligkeit er an den Pranger stellt und die von Staatsnähe und ungerechten Quotenvergleichen täglich profitieren. Schawinski bleibt auch hier das Opfer. Qualitätsdenken, so erfährt man im Buch, kann gar nicht aufkommen, die Abhängigkeit von Quoten ist überstark.
Hier gibt sich Schawinski ehrlich und ungeschminkt, was die Lektüre leicht und erhellend macht. Gerade deshalb mag man das Buch in die Hand eines jeden wünschen, der Medienkompetenz erlangen möchte. Und als medienkompetenter Mensch mag sich dann ein Leser fragen: Wie kommt es, dass ein ehemaliger Kassensturz-Leiter, der für eine gewisse Integrität im Konsumbereich eintrat, so unverfroren darüber berichten kann, wie er als Sat.1-Chef den baren Geldgewinn – und Einschaltquoten bedeuten in erster Linie Geld – weit über die Qualität des Gebotenen stellte, und das bewusst und jeden Tag?
Das Buch erfüllt verschiedene Funktionen. Es enthüllt in einem Bereich, der für das Publikum trotz Mediennähe des Themas nur schwer zugänglich ist. Es stellt richtig, was der Autor vorher als Senderchef nicht hatte richtigstellen dürfen. Und es hält den Autor in der Medienwelt aktuell. Zwar nicht als Journalisten mit vorbildlichem Deutsch – dafür ist das Buch weiss Gott zu schlecht lektoriert –, aber dafür umso mehr als Macher, der seit seinen heroischen Taten 1979 (erstes Schweizer Privatradio) und 1994 (erster Schweizer Fernsehsender) doch eine bemerkenswerte Linie gehalten hat.
Roger Schawinski: Die TV-Falle. Vom Sendungsbewusstsein zum Fernsehgeschäft. Zürich 2007.





3 Kommentare ↓
1 Time 4 talks » Blog Archiv » Bruno Brisanzi: “Wettbewerb macht blöd. Aber Blöd macht reich.” // Jan 12, 2009 at 12:40
[...] in den Medien, vorab in den elektronischen. Man könne ja in Roger Schawinskis Sat1-Rückblende “Die TV-Falle” nachlesen, wie er als Leiter täglich den gemeldeten Tagesmarktanteilen entgegenfieberte. Die [...]
2 Rezensionen - z. B. Literatur | Script on demand // Mai 18, 2009 at 16:46
[...] Sie haben viel mit Medien zu tun und bieten Rezensionen an von Büchern, die Roger Schawinski oder – etwas frech – Hektor Haarkötter [...]
3 K A S S E N S T U R Z B L O G » Post Topic » Quoten sind keine Noten! // Jul 16, 2009 at 07:50
[...] Und weil er kein Kunde ist, ist er auch nicht König. Er ist ein Statist. Interessantes dazu bietet Roger Schawinski in seinem Sat1-Buch. “Qualität statt Quote” heisst es in unserer [...]
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