Abschalten!
Hektor Haarkötters faszinierendes Anti-Medien-Buch ist eine ebenso erschütternde wie intelligente Analyse. Eindringlich warnt der Autor vor zuviel Buch und Zeitung, Fernsehen und Internet. Harkötters Medienkritik geht an die Wurzel, aber ihr Ausgangspunkt ist das offensichtliche Versagen der Verantwortlichen in der Medienwelt. Er erinnert an Hermann Ehlers, der nach Einführung des Fernsehens telegrafiert haben soll: „Sah eben Fernsehprogramm. Bedaure, dass Technik uns kein Mittel gibt, darauf zu schiessen“. Aber er führt bedeutend weiter, jedenfalls weiter als Neil Postman, den er verständlicherweise häufig zitiert.
Das Fernsehen, schreibt Haarkötter, spezialisiert sich auf das, was „den Affekt so unmittelbar anspricht, dass auch in der mittelbaren Präsentation davon noch etwas übrig bleibt“. Wenn so die Standardfrage den Korrespondenten aufruft: „Wie ist die Stimmung vor Ort?“, so macht dies deutlich, dass der Nachrichtenjournalismus definitiv abgelöst wurde. Damit einher geht das Vorrücken der Schamschwelle durch die „Avantgarde der Peinlichkeit“.
Was zurück bleibt, sind die Medienopfer. Wo es aber Medienopfer gebe, gebe es auch Medientäter, schreibt Haarkötter, der seltsamerweise nicht als reaktionär, sondern ausgesprochen visionär erscheint. Für ihn sind die Fernsehmenschen nicht nur arrogant, sondern auch von erstaunlich niedrigem Bildungsniveau, Haarkötter rechnet hier bewusst die schnelldenkenden Moderatoren mit. „Fernsehen“, so zitiert der er Neil Postmann, „wurde nicht für Idioten erschaffen – es erzeugt sie“. Das trifft nach Haarkötter auch die Politik, die zum Wegwerfdenken verkommen ist.
Hier zieht Haarkötter die Neurologen heran, vorab dessen wohl prominentesten Vertreter Manfred Spitzer, der klar vor Augen geführt hatte, dass Vielfernseher schlechter lernen, weniger kreativ seien, oberflächlicher wahrnehmen, weniger kritisch nachdenken und erst noch Rollenstereotypien verfallen. Interessant ist die Interpretation Haarkötters: Die Medien würden solche Erkenntnisse bewusst kontrovers diskutieren lassen, damit kein eindeutiges Urteil resultiere und sie selber mit einem blauen Auge davonkommen.
Anspruchslosigkeit sei die vereinigende Grösse der Medien insgesamt, fasst Haarkötter seine vernichtende Analyse zusammen. Es gebe kein Medienerlebnis. Im Gegenteil, die Medien stünden zwischen ihm und den Erlebnissen. Sie hinderten den Medienverbraucher also daran, etwas zu erleben, kritisiert der Autor, dessen Buch von grossartiger Konsequenz ist, was auch ihn selber trifft. Haarkötter ist ja schliesslich selber Buchautor und Fernsehjournalist – wie verträgt sich das mit dem geforderten Abschalten der Medienwelt? Die ironische Antwort gibt Haarkötter mit einer Münchhausiade, nämlich einem Zitat von Ludwig Wittgenstein, der dazu eingeladen hatte, nach der Lektüre seiner Sätze eben die Leiter wegzuwerfen, auf der man hinaufgestiegen ist!
Haarkötters witziges Buch ist voller Widersprüche. Aber es sind die Widersprüche der Medienwelt, nicht die des Autors, wird man, am hinteren Buchdeckel angelangt, mit einiger Verblüffung feststellen können. Das Buch ist ein Muss für jeden, der Medien nicht nur konsumiert, sondern auch hinterfragt.
Hektor Haarkötter: Abschalten. Das Anti-Medien-Buch. Darmstadt 2007.





1 Kommentar ↓
1 Time 4 talks » Blog Archiv » PR sind für alle da! // Okt 25, 2008 at 20:15
[...] – und sie existiert sonst gar nicht? Oder wollen wir Hektor Haarkötter folgen, der in seinem Antimedienbuch fordert: “Abschalten!” Und konsequenterweise [...]
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